Lutherland (Lorenz Hoffmann) mdr 2017

Lutherland (Lorenz Hoffmann) mdr 2017
Lutherland (Lorenz Hoffmann) mdr 2017

mdr 2017

Regie: Stefan Kanis

Musik: Michael Hinze

Mit:
Stephan Grossmann, Dörte Lyssewski, Bernhard Schütz, Walter Renneisen, Charlotte Müller, Carina Wiese, Ellen Hellwig, Andreas Keller, Henning Peker, Martin Reik, Katrin Hart, Barbara Trommer, Thomas Bille, Nicoline Schubert, Ellen Schweda, Corinna Waldbauer

„Incarneted Message Concept“ heißt das Zauberwort, mit dem die Agentur Merschwitz & Friends der Evangelischen Kirche Deutschlands die erhoffte Medien-Präsenz sichern will. Im Jubeljahr 2017 soll die Luther-Beauftragte der EKD bei ihren zahlreichen öffentlichen Auftritten den wuchtigen Reformator nicht bloß zitieren, sondern sich de facto an seiner Seite zeigen: „Das Wort wird Fleisch!“ Winfried Schaller, noch vor kurzem ein populärer Volksschauspieler, soll ihn verkörpern – da passt nicht nur Maske und Habitus, da fehlt es auch nicht an Querköpfigkeit, nicht einmal an Cholerik. Der allerdings hat sich sein Comeback keinesfalls als Talkshow-Maskottchen von Margot Käßmann vorgestellt. Je mehr er freilich die Luther-Schriften durchforstet, desto mehr kann er dem kirchen- und gesellschaftskritischen Donnerer abgewinnen. Bald macht es ihm Spaß, als Geist von Luthers Gnaden in die Gegenwart zu fahren und sie – wie seine Auftrittskonzepte – gehörig durcheinander zu wirbeln. Als Blogger DER LUTHER schart er Follower um sich, die „Kirchenland in Bauernhand“-Aktivisten finden in ihm einen prominenten Fürsprecher. Und bald fürchtet die EKD nichts so sehr, wie seinen Auftritt beim Festgottesdienst auf den Wittenberger Elbwiesen – völlig zu Recht, wie sich zeigt.

Teil 1:
Peter von Merschwitz, Chef der PR-Agentur der EKD, überzeugt Margot Käßmann von einer (jedenfalls im kirchlichen Rahmen) nie dagewesenen, nicht ganz risikofreien, aber in jedem Fall höchst medienwirksamen PR-Strategie für das Reformationsjubiläum. Ein Schauspieler soll angeheuert werden, der über mehrere Wochen hinweg in einer Art Langzeitperformance den Reformator mimt, bei Veranstaltungen auftritt, Interviews gibt etc. Gegen anfänglichen Widerstand seitens der konservativen Räte, setzt Käßmann das Konzept bei der EKD durch. Als Luther engagiert werden soll der bekannte, aber derzeit wenig erfolgreiche Schauspieler Winfried Schaller.

Teil 2:
Oberkirchenrat Dr. Curtius, Mitglied des Rates der EKD und Winfried Schallers Schwiegervater, drängt Schaller beim großfamiliären Mittagessen, das Engagement als Luther anzunehmen. Es könne ihm das Comeback bringen und ihn die Achtung der beruflich viel erfolgreicheren Almuth Curtius-Schaller zurückgewinnen lassen.
Schaller wird das Ausmaß seiner Lebenskrise bewusst: Karriere in der Sackgasse, Ehe zerrüttet. Statt mit der Geliebten Katharina zusammenzuleben, bleibt er bei seiner Frau, weil er sich von ihr und den Schwiegereltern finanziell und gesellschaftlich abhängig wähnt. In dieser Situation Curtius‘ gnädiges Angebot anzunehmen, scheint ihm entwürdigend. Er lehnt ab. …Wenige Tage später tritt er bei „Lanz“ erstmals als Luther auf.

Teil 3:
Schaller und seine Geliebte sehen gemeinsam einen Fernsehbericht über Schallers vielbeachteten ersten Auftritt als Luther. Katharina lobt sein Spiel. Sie erzählt ihm, dass er Vater wird. Schaller ist verstört, trennt sich von ihr, verlangt die Abtreibung.
Bei einer Apfelbaum-Pflanzaktion in Eisleben fällt er zum ersten Mal aus der Rolle.
Statt einen unerschütterlichen Optimisten im Sinne des Apfelbaumzitates gibt er einen von Selbstzweifeln und Pessimismus geplagten Luther, läuft schließlich von der Veranstaltung davon und setzt sich aufgewühlt ins Auto. Er kommt in ein Gewitter, fährt nach einem nahen Blitzeinschlag gegen einen Baum.

Teil 4:
Almuth rechnet ihrem beim Unfall weitgehend unversehrt gebliebenen Mann vor, wie teuer sie der Totalschaden des Autos zu stehen kommt, fragt in verächtlichem Ton, ob das ein Selbstmordversuch gewesen sei. Merschwitz hält den Unfall für eine PR-taugliche Inszenierung, äußert sich anerkennend, warnt Schaller aber, es nicht zu übertreiben. Curtius überbringt die Nachricht von der EKD, Schaller dürfe als Luther weitermachen, habe sich aber künftig strikt ans Protokoll zu halten. Übergibt ihm das Manuskript für seinen nächsten Auftritt, die Einweihung eines evangelischen Kinderkrankenhauses. Ein Lutherwort über Kinder bringt Schaller zum Weinen. Reumütig fährt er zu Katharina.

Teil 5:
Bei einem Auftritt in der Devotionalienabteilung des Lutherhauses wettert Schaller gegen Lutherkult und Luther-Reliquien. Wertvolle Nippes gehen zu Bruch.
Käßmann telefoniert aufgeregt mit Merschwitz. Die Skeptiker in der EKD säßen ihr im Nacken, forderten, Schallers Vertrag zu kündigen. Merschwitz warnt, das würde zum Skandal führen. Lieber solle man Schaller durch Curtius wieder auf Kurs bringen lassen. Nach dem Gespräch mit Curtius lässt ein gutgelaunter Schaller gegenüber dessen Haushälterin durchblicken, er lasse sich von Curtius‘ Erpressung (fünfstellige Schadenssumme im Lutherhaus) nicht beeindrucken. Im Gegenteil, die Sache beginne Spaß zu machen.

Teil 6:
Schaller und Käßmann bei Anne Will zum Thema „Wieviel Reform braucht die Kirche“. Käßmann redet von der Wichtigkeit der Kirche als Orientierung spendende Institution. Schaller greift sie hart an, spricht von inhaltsleerer Wellnesskirche, die sich längst von evangelischen Grundsätzen verabschiedet habe. Daraufhin Krisensitzung bei Merschwitz. Käßmann und Curtius wollen Schaller (der inzwischen sogar einen kirchenkritischen „Luther-Blog“ begonnen hat) endgültig aus dem Verkehr ziehen. Merschwitz hält das für gefährlich. Er rät, sich nicht von Schaller zu distanzieren, sondern ihn zu vereinnahmen, seinen Blog mit der EKD Seite zu verlinken, seine Skandalauftritte zum Programm zu erklären.
In der gemeinsamen Wohnung äußert sich Almuth Curtius-Schaller anerkennend über Schallers neue Entschlossenheit. Er bedankt sich und packt seine Koffer.

Teil 7:
Die Initiative „Kirchenland in Bauernhand“ wendet sich an Schaller. Durch ungerechte Pachtlandvergabe seitens der kirchlichen Verwaltungsämter, die lieber an Agrarkonzerne als an kleine Höfe verpachten, haben in jüngster Vergangenheit mehrere kleine Landwirte die Existenzgrundlage verloren. Der inzwischen als DER LUTHER sehr populäre Schaller sagt seine Unterstützung zu. Er setzt sich bei Curtius für die Initiative ein. Der lässt ihn abblitzen, es kommt zum heftigen Streit über kirchliche Bigotterie und Verflechtung von Kirche und Wirtschaft. (In einem Video tritt dann DER LUTHER als Fürsprecher der Bauern auf und klagt die Kirche an, gegen die propagierten Werte Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung zu verstoßen.)

Teil 8:
Die Bauern der Initiative „Kirchenland in Bauernhand“ besetzen das kirchliche Verwaltungsamt Erfurt. Aufgeregte Stimmung. Im Tumult spricht der Initiativen-Vorsitzende Pfannschmidt wütend auf Schallers Mailbox: „Wo sind Sie, Schaller? Sie hatten uns versprochen, dabei zu sein!“ Wenige Stunden später melden die Nachrichten die Beendigung der Aktion und die Verhaftung der Anführer. Schaller distanziert sich in einer Pressekonferenz von der Aktion der Bauern, wird von Merschwitz dafür gelobt.

Teil 9:
Curtius ist entsetzt. Jetzt hat Schaller den Bogen überspannt. Er ist bei Pegida aufgetreten. Triumphierend präsentiert Curtius Käßmann und Merschwitz eine Aufzeichnung der Rede. Sie können verfolgen, wie sich Schaller zunächst in meisterhafter populistischer Rhetorik bei den Pegidisten anbiedert, bevor er einen Kehrtschwenk macht, Pegida-Positionen als feige und bequem entlarvt und selbst dafür wieder Applaus erhält. Käßmann und Merschwitz sind gleichermaßen beeindruckt wie alarmiert. Käßmann ist sicher, Schaller würde einen öffentlichen Auftritt auf dem Kirchentag in eine Blamage für die EKD verwandeln. Curtius und Käßmann machen Merschwitz persönlich dafür verantwortlich, Schallers Auftritt um jeden Preis zu verhindern. Einige Zeit später wird Schaller auf offener Straße in ein Auto gezerrt und entführt…

Teil 10:
Abschlussgottesdienst des Kirchentages. Käßmann ist nervös, aber Merschwitz glaubt sicher, dass der reibungslose Ablauf der Veranstaltung gewährleistet ist und DER LUTHER nicht auftauchen wird. Doch ausgerechnet die Bauern der Aktion „Kirchenland in Bauernhand“ befreien Schaller aus seinem Kellerversteck und schmuggeln ihn unter mehreren hundert Besuchern im Luthergewand auf das Gelände. Als er die Bühne betritt, wird er von Begeisterungsrufen empfangen. Spielwütig und in Bestform gibt er (natürlich in Zitaten) einen Luther, der abwechselnd als zorniger Rebell und reaktionärer Institutionenwahrer, als intoleranter Eiferer und mäßigender Politiker, als pessimistischer Apokalyptiker und optimistischer Weltverbesserer auftritt…

hoerspielTIPPs.net:
Mit „Lutherland“ widment sich der mdr und Autor Lorenz Hoffmann dem Lutherjahr 2017 auf besondere Weise. Die Idee: Ein Schauspieler soll im Jubiläumsjahr dem Reformator neues Leben einhauchen. Ein passender Akteur wird recht schnell gefunden, doch dieser erweist sich schon bald als zu passend. Der Schauspieler Winfried Schaller spielt nicht nur den Luther, er verschmilzt nahezu mit seinem Vorbild. So zeigen sich auch schnell die Ecken und Kanten des Reformators. Das Ganze wird mit viel Humor versetzt, was ja immer eine Geschmacksfrage ist, ob man sich davon anstecken lassen kann. Ich hatte beim Hören da so meine Schwierigkeiten, gerade in Bezug auf die auftauchenden realen Personen. Diese orientieren sich aber inhaltlich wenig am Original, meist sind sie nur aufgrund ihres Namens zuzuordnen. Ein für mich störender Umstand, den man ohne Probleme auch durch fiktive Charaktere hätte vermeiden können. Natürlich ziehen die realen Vorbilder Interesse, das verfliegt aber schnell, wenn man das Ergebnis hört. Das ist ein wenig schade, denn die Idee und Umsetzung ist ansonsten sehr gelungen. Auch das Format, das Hörspiel in kleinen Häppchen à fünf Minuten zu servieren ist sehr ansprechend, zumal man das Hörspiel ja auch als Podcast zur Verfügung stellt.

Ursendung im Radio ab 15.05.2017

Download beim mdr ab 15.05.2017


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