19 Prozent auf alles – außer Lesungen – Auch hier könnte der Schuss nach hinten losgehen…

In der vergangenen Woche machte die Schlagzeile die Runde, dass endlich eine gesetzliche Änderung (Bundestagsdrucksache 18/1995) anvisiert ist, die Hörbücher den Büchern gleichstellt und so dafür sorgt, dass deren Verkauf ab dem kommenden Jahr der ermäßigten Umsatzsteuer von 7 Prozent unterliegt.

Der Staat hat eine praktikable Lösung – zusammen mit der Branche – gesucht und gefunden. Allerdings dürfte das eventuell erschallende „Hurra“ vielleicht doch etwas verfrüht sein. Sieht man sich die Begründung – die auch später zur einer Auslegung der Regelung herangezogen werden dürfte – an, kommen doch Zweifel, ob man hier dem „Kulturgut“ wirklich einen Gefallen getan hat.

Beschränkt ist die betreffende Regelung auf die Lieferung eines analogen oder digitalen Speichermediums, auf dem ausschließlich die Tonaufzeichnung der Lesung eines Buches gespeichert ist. Dabei ist es – nach der Begründung der Gesetzesvorlage – nicht notwendig, dass der Inhalt auch als gedruckte Fassung vorliegt.

Ausgeschlossen von dieser Regelung sind neben – jugendgefährdenden Medien – allerdings Hörspiele. Diese „unterscheiden sich von den begünstigten Hörbüchern durch die Verwendung dramaturgischer Effekte, verteilte Sprecherrollen, Geräusche sowie von Musik und gehen damit über die Wiedergabe einer bloßen Buchlesung hinaus.“

Hat es leider nicht zum

Hat es leider nicht zum „Kulturgut“ geschafft: Thomas Manns „Der Zauberberg“ in der Hörspielfassung des BR.

Unabhängig von den bislang noch immer ungeklärten Begrifflichkeiten Hörspiel, Lesung und Hörbuch, wird hier eine sehr enge Linie gezogen. Der vergünstigte Umsatzsteuersatz findet damit nur auf einen Teil der bislang recht eindeutig als Lesung deklarierten Produktionen Anwendung. Denn legt man die Regelung streng aus, dürfte jede Verwendung von Elementen über die Stimme des Sprechers hinaus, die Produktion aus der Vergünstigung kegeln. So könnten sich schon Titel- und Zwischenmusiken hier steuerlich ungünstig auswirken.

Dies hat zur Folge, dass Hörspieladaptionen, inszenierte Lesungen, oder sogar Lesungen mit Musik, selbst wenn ihre Vorlage mit Literaturpreisen überschüttet worden wären, aus der Regelung fallen, während der Groschenroman, den irgendwer im Schlafzimmerschrank aufnimmt und auf CD bannt, künftig als Kulturgut in den Genuß der Ermäßigung käme.

Ein anderes Problem: Der Handel wird vermutlich vermehrt auf entsprechend einfache Produktionen setzen, um den nicht unerheblich geminderten Steuersatz zu erzielen.

In die Röhre blicken dürften die Sounddesigner und Musiker, deren Leistungen noch weniger gefragt sein dürften, als bisher. Auf der anderen Seite trifft es die Hörer, die vermutlich vermehrt uninspirierte, trockene Lesungen erhalten werden.

Das Hörspiel ist aus Kostengründen ohnehin schon auf einem jahrelangen Rückzug, jetzt wird es auch wohl inszenierte Lesungen treffen. Insofern dürfte sich dieser Sieg der Gleichstellung des Hörbuchs als Kulturgut, letztlich als Niederlage für alle erweisen, die kreative Hörbücher machen oder hören wollen.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Hörspiele, Kommentar, News abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu 19 Prozent auf alles – außer Lesungen – Auch hier könnte der Schuss nach hinten losgehen…

  1. Pingback: OhrCast 34 – August / September 2014 – Fuck! Die Heckenpisser sind sexuell erregt! Jetzt zum zeitsouveränen Nachhören! Ausrufezeichen! | ohrcast

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s