Mehr Mut zum Mainstream, bitte

Das Fernsehenprogramm ist derzeit qualitativ zwar nicht in der Verfassung, die zu Jubelstürmen veranlassen würde, dennoch möchte ich mich kurz an diesem Medium anlehnen. Blickt man jedoch beispielsweise auf die Grimme-Preis-Vergabe, den Preis, der wohl die größte Akzeptanz als Gralswächter der Qualität haben dürfte, stellt man fest, dass doch auch viele erzählende Formate als preiswürdig erachtet werden. Selbst der Tatort, oft als schnöde und belanglose Kost belächelt, konnte bei der letzten Vergabe einen Sonderpreis abstauben.

Als vergleichbares Format gibt es hierzu im Radio das Hörspiel, doch dieses Genre wird mehr und mehr aufgerieben. Mit der „Entdeckung des neuen Hörspiels“ verschwand das erzählende Hörspiel nach und nach und wurde durch künstlerische Formate und die „Verbannung“ in die Kulturkanäle verdrängt. Das – im Vergleich zum TV – unpopulär gewordene literarische Hörspiel hatte offensichtlich ausgedient. Einzig Krimiformate und Umsetzungen belletristischer Erfolgsstoffe hielten das Format über Wasser. Sicherlich gab und gibt es auch viele weitere Produktionen, aber meist ging dies nicht ohne einen besonderen künstlerischen Anspruch, der viele „Unterhaltungshörspielhörer“ verprellte.

Eine kleine Trendwende kam mit dem Radiotatort. Das Format erfreut sich immer größerer Beliebtheit. Es zeigt, dass es da draußen viel Hörerpotential gibt, das man mit vermeintlich leichten Stoffen erreichen kann. Leider wirkt sich der Erfolg des Radiotatorts kaum auf die Sendeplätze aus. Auch wenn die einzelnen Anstalten den Radiotatort zum Teil mehrfach ausstrahlen, findet diese Krimireihe doch auch nur den Weg in die Populärwellen, die ohnehin Hörspiele im Programm haben. Eine Ausweitung war zwar angedacht, wurde aber bislang noch nicht umgesetzt.

Es mag daran liegen, so hat man zumindest als Außenstehender den Eindruck, dass der Radiotatort anfangs ein wenig als „Schmuddelkind“ der Hörspiel gesehen wurde, ein der Kostenersparnis geschuldetes Opfer der Hörspielabteilungen, das den unliebsamen Mainstream in die von Kunst und Anspruch geprägte heile Welt trug.

Allerdings hat sich diese Sichtweise in einigen Häusern offenbar etwas gemäßigt. Wenn man sich die qualitative Steigerung des Formats ansieht, scheint man erkannt zu haben, dass zwischen anspruchsvoller Hörspielproduktion und dem Krimiformat kein unüberwindbarer Graben liegt.

Clevere Erzählstoffe funktionieren im Radio ebenso wie im auch im Fernsehen. Wenn es dann noch gelingt, die besonderen Möglichkeiten des Mediums zu nutzen, gelingen auch großartige, eigentständige Produktionen, die eben kein Abklatsch einer TV-Erzählung sind. Als Beispiel für ein solches gelungenes Radioprojekt sei hier der Radiotatort „Fischers Fall“ von Thilo Reffert (mdr 2013) erwähnt. Dort schafft man es, einen gut durchdachten Krimi zu erzählen, dass als Kammerspiel perfekt für das Medium konzipiert ist und auch nur in diesem perfekt funktioniert. Auch Hörspielmacher wie Paul Plamper schaffen es, ein breiteres Publikum anzusprechen, ohne dabei auch nur in den Verdacht zu geraten, belanglose oder billige Kost zu produzieren.

Das werbewirksame Zugpferd Radiotatort und die in den letzten Jahren stets wachsenden Möglichkeiten, über Radiohörspiele mittels Download zu verfügen, machte Hörspiel-Hörer für das Medium aufmerksam, die um das Radio bislang einen weiten Bogen machten; Leute, die mit Hörspiel-LPs und -MCs aufgewachsen sind, vielleicht noch heute mit drei Jungs aus Rocky-Beach allabendlich ins Bett gehen oder sich mit Gruselkrams die Autofahrten unterhaltsamer gestalten.

Für diese bietet das Radio an sich in Bezug auf Hörspiele wenig, da man sich u. a. einfach nicht nach den starren Programmplätzen ausrichten will und kann. Aber mittlerweile gibt es technische Möglichkeiten vom Download bis zur Aufnahmesoftware, die es ermöglichen, Radioformate wie Hörspiele „on demand“ zu genießen. Glaubt man den Statistiken der Radiosender, werden diese Möglichkeiten auch stark genutzt. Die Downloadzahlen des Radiotatorts sollen im sechsstelligen Bereich liegen – was auch für große Sendeanstalten ein ordentliches Pfund ist.

Trotz dieses Potentials bleibt das Hörspiel aber – gerade für diese Hörer – zu oft in der Kunstecke hängen. Auch wenn dort auch mal „leichtere“ Stoffe ihren Platz finden, sind diese in den Kulturprogrammen eingesperrt. Zumal einige Sender keine entsprechenden Sendeplätze außerhalb dieser Programme nutzen.

Tapfere Ausnahmen sind Anstalten, die auch auf den Populärwellen für das Hörspiel nutzten, beispielsweise der WDR mit 1Live und WDR 5. Dazu gibt es einmalige Projekte, wie die Aktion des HR im Jahr 2013, die Ursendung von „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ auf hr 1 zu senden.

Insgesamt erscheint mir dieses Annähern an ein weiter gefasstes Publikum im Verhältnis zu den Kunstprojekten für einen kleinen, elitären Kreis, zu gering. Hier sollte man bei den Sendern wieder mehr Mut zum Mainstream wagen. Dabei darf man den Hörern durchaus etwas zutrauen, aber man muss sie aber auch erstmal ans Hören bekommen.
Ein Mehr Aufmerksamkeit wird dem Hörspiel mehr nützen denn schaden. Ein größeres Interesse schafft mehr Möglichkeiten, da es dann auch mehr frische Ideen ins Medium tragen wird. Insgesamt wird es dem Medium gut tun, sich aus der Nische zu befreien – Man muss es nur wollen.

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