Verschenktes Potential – Der Radiotatort „Wallfahrt“ (BR 2014)

radiotatortDer Radiotatort kehrt zurück ins beschauliche Bruck am Inn. Der einzige fiktive Ort der Reihe und auch er einzige, an dem die Protagonisten Uniform tragen. Kriminalfälle mit Streifenpolizisten in der Provinz sind – zumindest im TV – recht erfolgreich. Auch der Radiotatort aus Bayern findet Fans, die dieses Format und darin gerade das Bodenständige loben.

Zu meinen Highlights der Reihe gehörten die Fälle aus Bayern bislang nicht, was meist an den etwas unspektakulären Geschichten lag. Alllerdings gab es auch hier und da mal Fälle, in denen man etwas stärker und tiefgründiger mit den Figuren hantierte und so für eine gewisse Nachhaltigkeit sorgen.

Dies war auch gerade in der letzten Ausgabe „Wasser bis zum Hals“ der Fall. Hier konnte man – insbesondere mit einem verstärktem Focus auf dem Handlungsrahmen – für Nachhaltigkeit sorgen und die Vorfreude auf den nächsten Ausflug nach Bruck schüren.

Dieser liegt nun mit der Folge „Wallfahrt“ vor. Leider lässt man aber gerade diesen Punkt außen vor und beschränkt sich auf einen neuen Fall.

Brigitte Hobmeier (Senta Pollinger); BR / Ulrike Kreutzer

Brigitte Hobmeier (Senta Pollinger); BR / Ulrike Kreutzer

Bei einem Autounfall wird ein Journalist schwer verletzt. Er hat in Bruck in einer Kapelle recherchiert, die derzeit im Interesse steht. Es gibt Bestrebungen eine Wallfahrt wieder zu installieren, die vom 30jährigen Krieg bis zum Zweiten Weltkrieg stattfand. Diese hat – was nicht jeder weiß – ein dubioses und letztlich widerwärtiges Motiv, das weit ins Mittelalter reicht.

Die Polizeiinspektion mit ihrem neuen fränkischen Kollegen ermitteln in diesem Unfall. Auch wenn man vermeiden will, dass man zu tief in Belange der Kripo gelangt, entwickelt sich der Fall immer mehr.

Der Hintergrund dieser Episode ist durchaus interessant, sie leidet allerdings darunter, dass der Plot aus Klischees besteht, die man aus Bruck am Inn schon öfter hören durfte. Das Motiv aus der Vergangenheit, einige Oberschichtler mit bösen Absichten, das Gerangel zwischen Kripo und Schupo, all das sind Dinge, die dem Hörer schon öfter ans Ohr trafen.
Auch die allumfassende Verzahnung wirkt befremdlich: Alles was passiert, ist in den Fall verwoben. Das wirkt einfach zu dicht und lässt dem Kosmos „Bruck“ etwas zu wenig Raum. Gerade das Flair der Kleinstadt lebt ja eher von den – für den Plot eher belanglosen – Randerscheinungen, die hier zu kurz kommen.

Das könnte daran liegen, dass man die Geschichte eventuell mit einer etwas heißeren Nadel als sonst stricken musste; Die ursprüngliche Inhaltsangabe deutet nämlich einen deutlich anderen Verlauf und Schwerpunkt an. Das klang zumindest vielversprechender, als das, was mir nun letztlich zu Ohren kam.

„Wallfahrt“ hätte aufgrund des interessanten Hintergrunds durchaus das Potential gehabt, ein guter Eintrag in die Reihe des Radiotatorts zu werden. Leider habe ich mich als regelmäßiger Hörer am wenig originellen und eher uninspirierten Format gerieben.
„Wallfahrt“ ist vom 7. bis 15. Mai 2014 auf den Wort- und Kulturwellen der ARD zu hören (Sh. Übersicht). Ab dem 13. Mai ist der Download auf radiotatort.de verfügbar. Bereits seit 7. Mai kann das Hörspiel beim BR im Hörspiel-Pool aufgerufen werden.


Radiotatort 76
Wallfahrt

von Robert Hültner

Regie: Ulrich Lampen
Musik: zeitbloom
BR 2014
54 Min.

Robert Joseph Bartl (Bauunternehmer Blocher); Bild: BR / Ulrike Kreutzer

Robert Joseph Bartl (Bauunternehmer Blocher); Bild: BR / Ulrike Kreutzer

Rudi Egger: Florian Karlheim
Senta Pollinger: Brigitte Hobmeier
Ferdl Raab: Michael A. Grimm
Oswald Öttl: Robert Giggenbach
sowie Richard Oehmann, Wowo Habdank, Winfried Frey, Stephan Zinner, Ercan Karacayli, Hanns Meilhamer, Robert Joseph Bartl, Sepp Schauer, Klaus Stiglmeier, Markus Boniberger, Matthias Kupfer, Harry Täschner und Sebastian Edtbauer

In Bruck am Inn soll eine historische Wallfahrtstradition zu einem idyllisch gelegenen Kirchlein wieder belebt werden. Rudi und Senta nehmen dies wie viele Brucker zur Kenntnis ohne Argwohn zu hegen. Auch der Protest des alten Tischlers Adam, den in Bruck alle als guten Handwerker schätzen, dessen direkte Art jedoch auch von einigen gefürchtet wird, scheint erstmal nicht außergewöhnlich. Doch bald stößt Rudi auf eine höchst suspekte Märtyerlegende. Was hat es mit der Wallfahrt und der Renovierung der Kapelle auf sich, und warum interessierte sich ein Journalist aus München dafür, der seit einem schweren Autounfall in Bruck im künstlichen Koma liegt? Ist an seinem Wagen manipuliert worden? Während die Ermittlungen bald wieder eingestellt werden sollen, fügen Rudi und Senta Puzzlestück um Puzzlestück zusammen und sehen sich mit einer gefährlichen Allianz aus Geldgier und religiösem Fanatismus konfrontiert.

Robert Hültner, geb. 1950 im Chiemgau, Autor, Regisseur, Filmrestaurator. Studium an der Filmhochschule München. Auszeichnungen u.a. Deutscher Krimipreis (1996 und 1998), Friedrich-Glauser-Preis (1998). Kriminalromane u.a. Walching (1993), Ende der Ermittlungen (2007); Theaterstücke u.a. Schikaneder (2004); BR-Hörspieladaption Walching (1995). Autor der ARD Radio Tatorte des BR Irmis Ehre (2008), Hexenjagd (2009), Dienstschluss (2009), Unter sticht Ober (2010), Vanitas (2011), Unter Verdacht (2011), Der Stalker (2012), Wasser bis zum Hals (2013)

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