Zolas Schornstein – Der Tod des Schriftstellers als Kriminalhörspiel

RadiotippDer französische Schriftsteller und Journalist Émile Zola starb im Jahr 1902 an einer Kohlenmonoxidvergiftung. Offiziell ein Unglücksfall, doch auch mehr als hundert Jahre später existieren noch immer Zweifel an dieser Einordnung.

Christoph Prochnow nimmt sich in seinem Hörspiel diese Theorie auf und erzählt von den letzten Stunden Zolas und den Ermittlungen um dessen Ende. Verschiedene mögliche Motive werden dargelegt. Von der betrogenen Ehefrau, über die Geliebte, bis hin zu politischen Feinden reicht die Auswahl an potentiellen Täterm. Erschwert werden die Ermittlungen durch die staatlichen Organe, die daran interessiert sind, den Tod auch als Unfall deklariert zu wissen – Der politische Gegner Zola könnte durch den Nachweis eines Mordes zum Märtyrer werden und damit zur Gefahr für die öffentliche Ordnung.

Mit den Ermittlungen wird zunächst der stockkonservative Jaubert (Jürg Löw) und Assistent und Schwiegersohn, Cocu (Matti Krause), beaufragt, die man schon aus Prochnows „Der Zahn des Voltaire“ kennt.
Cocu bringt seinen Chef immer mehr zum Zweifeln. Die Vielzahl der Verdächtigen und Motive lassen einen Unglücksfall fast schon unwahrscheinlich wirken. Bevor die Ermittlungen aber richtig greifen, werden diese von Jauberts Vorgesetztem eingestellt.

Zufrieden stellt dies weder die beiden Ermittler, noch den Hörer. Letzter bekommt immerhin im Epilog ein spätes Indiz geliefert, dass der Tod Zolas kein Unglücksfall gewesen sein muss.

Der Krimi lebt von dem realen Hintergrund und den verschiedenen Motivlagen. Durch die Ermittlungen wird ein gut greifbares Bild Zolas gezeichnet. Ein Nachteil ist, dass man durch die historischen Bezüge so eingebunden ist, dass man hier eben keinen abgeschlossenen Fall präsentieren kann. Dies wird allerdings durch den Epilog ganz gut kompensiert.

Die Inszenierung ist auf dem gewohnt guten Nivau, wie man es von den Krimiproduktionen von DRadio Kultur erwarten darf. Im gut agierenden Ensemble wirken einzig die eingesetzten Dialektfärbungen etwas merkwürdig. Die Idee dahinter ist zwar nachvollziehbar, dennoch wirkt es – da die Geschichte nunmal in Frankreich spielt – etwas deplatziert und hat – zumindest mich – etwas aus der Atmosphere gerissen.

Wieder einmal gelingt es der Redaktion um Torsten Enders, einen spannenden und interessanten Krimi zu erzählen. Auch Dank des historisch greifbaren Hintergrundes bietet man wieder mal ein besonderes Hörerlebnis, zumal es Christoph Prochnow gelungen ist, die Schwierigkeiten, die reale Kriminalfälle in der Nacherzählung aufweisen, gut zu kompensieren.

Zolas Schornstein“ ist erstmals am 17. Februar 2014 ab 21:33 Uhr bei Deutschland Radio Kultur zu hören.


Zolas Schorenstein
von Christoph Prochnow

Regie: Rainer Clute
DLR 2014
57 Min.

Mit:

Kommissar Jaubert: Jürg Löw
Cocu, sein Assistent: Matti Krause
Mimi, seine Tochter: Hanna Plaß
Emile Zola: Reinhold Weiser
Jeanne Rozerot, Zolas Geliebte: Lilith Häßle
Alexandrine, Zolas Frau: Susanne Heydenreich
Chefredakteurin: Astrid Meyerfeldt
Jean Bedel: Norbert Beilharz
Jules Delahalle, Zolas Kammerdiener: Elmar Roloff
Frau Monnier, Zolas Hausmeisterin: Gabriele Hintermaier
Vibeaux, Staatsanwalt: Horst Kotterba
Bousouillier, Untersuchungsrichter: Hubertus Gertzen
Dr. Defau, Klinikarzt: Michael Stiller
Dr. Lenormand, Zolas Hausarzt: Bernhard Baier
An-/Absage, Epilog: Andreas Rupniak

Paris 1902: Wurde der Schriftsteller Émile Zola wegen seines Engagements in der Affäre Dreyfus ermordet?

Kommissar Joubert registriert mit Sorge, dass seine Tochter nun tatsächlich seinen windigen Assistenten Cocu heiraten will. Die Spannungen werden noch verstärkt durch die politischen Divergenzen, in die der „Fall Zola“ beide Kriminalisten verstrickt. Denn der linke Cocu ist überzeugt, dass man den Schriftsteller wegen seines Engagements in der Affäre Dreyfus ermordet hat. Sein konservativer Chef aber muss dem politischen Druck seiner Vorgesetzten standhalten, die den Tod Zolas gern als häuslichen Unfall abhaken möchten. Und dann sind da auch noch die beiden Frauen aus einer „ménage à trois“, die vielleicht ganz private Motive hatten, den Mann in ihrer Mitte sterben zu lassen.

Christoph Prochnow, geboren 1942, studierte an der Filmhochschule Babelsberg, arbeitete im DEFA-Studio für Spielfilme und seit 1973 auch fürs Hörspiel. Lebt in Berlin. Deutschlandradio Kultur produzierte „Todesphantasie“ (2008), „Der letzte Schritt“ (2010). In „Der Zahn des Voltaire“ (2011) tritt zum ersten Mal das Ermittlerteam Joubert und Cocu auf.

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