Mutiges Format – Beste Hörspielunterhaltung: Radiotatort „Väter und Töchter“

radiotatortAb dem 10. Juli begibt sich der 66. Radiotatort auf seine Tournee durch die Wort- und Kulturwellen der ARD. „Väter und Töchter“ stammt aus der Feder von Thilo Reffert und wurde vom MDR produziert.

Dieser Radiotatort ist allein aufgrund des Formats sehr mutig. Reffert beschränkt sich bei seinem Kriminalfall räumlich auf ein Krankenzimmer, in dem Kommissar a. D. Fischer liegt. Seine Ex-Kollegin Annika de Beer sucht Rat in einem Fall, den sie nach ihrer Rückkehr aus der Elternzeit aufgedrückt bekommen hat. Dieser scheint schier unlösbar und zusätzlcih hat sie in den Ermittlungen einige Fehler begangen. Nun steht sie nicht nicht nur davor, einen Misserfolg zu verbuchen, sondern auch einem russischem Asylbewerber die Zeit in Deutschland zu verkürzen.
Fischer soll eigentlich nur die drohende Abschiebung verhindern, was an der Dickköpfigkeit der beiden Protagonisten scheitert. Stattdessen arbeiten beide den Fall nochmal auf…

Hilmar Eichhorn, Bianca Nele Rosetz, Corinna Waldbauer bei den Aufnahmen zu

Hilmar Eichhorn, Bianca Nele Rosetz, Corinna Waldbauer bei den Aufnahmen zu „Väter und Töchter“; Bild: MDR/Stephan Flad

Einen Radiotatort als Kammerspiel zu inszenieren ist ungewöhnlich und wird vielleicht die Hörer, die actiongeladene Thriller in dieser Reihe bevorzugen, etwas befremden. Dabei hat gerade dieses Format im Radiohörspiel Tradition, die allerdings in den letzten Jahres etwas aus der Mode gekommen scheint. In diesem Genre sind jedoch viele der nachhaltigsten Hörspielkrimiperlen entstanden; man denke nur an Produktionen wie Crowleys „Der Ohrenzeuge“ (SDR 1975), Mudrichs „Vogel im Käfig“ (WDR 1989) oder Haefs „Triumvirat„-Reihe (1984-2007). Gerade an Letzteres dürfte der Hörer erinnert werden, denn auch in „Väter und Töchter“ nähert man sich der Lösung des Falles im Gespräch unter Zuhilfenahme von Mutmaßungen, Wahrscheinlichkeiten und Erfahrungen.

Dabei bindet Thilo Reffert nicht nur die Eigenheiten der beiden Protagonisten sehr gut ein, sondern stellt auch ihre Ecken und Kanten prägnant, aber glaubwürdig dar. Sehr gelungen ist auch die Einbeziehung des Titelthemas auf gleich mehrere Ebenen des Hörspiels. Ein cleverer Kniff, der schon in seinem vorherigen Tatort „Altes Eisen“ vorhanden war, hier aber aufgrund der besonderen Figurenkonstellation noch besser wirkt.

Die beiden hervorragenden Schauspieler Hilmar Eichhorn und Nele Rosetz tragen das Stück fast ganz allein. Es gibt nur einen kurzen – aber für das besondere Beziehungsgeflecht wichtigen – Auftritt von Corinna Waldbauer als Krankenschwester.

„Väter und Töchter“ wird nicht jedem Krimifan gefallen, dafür biedert man sich zu wenig an moderne Krimiformate an. Aber es bringt nicht nur eine neue Farbe in die Reihe Radiotatort, sondern sorgt auch mit einem guten Krimiplot, einem spannenden Figurenkabinett und einer enormen Vielschichtigkeit für außergewöhnlich gute Krimiunterhaltung. „Väter und Söhne“ gehört für mich zum Besten, was in dieser Reihe bislang produziert wurde.

Die Sendetermine:
Mittwoch, 10. Juli 2013 – 20:03 – BR 2
Mittwoch, 10. Juli 2013 – 21:30 – hr 2
Donnerstag, 11. Juli 2013 – 21:03 – BR 2
Freitag, 12. Juli 2013 – 19:05 – nordwestradio**
Freitag, 12. Juli 2013 – 22:03 – SWR 2
Samstag, 13. Juli 2013 – 17:05 – WDR 5
Samstag, 13. Juli 2013 – 21:04 – SWR 4
Samstag, 13. Juli 2013 – 21:05 – NDR Info
Samstag, 13. Juli 2013 – 23:05 – WDR 5
Sonntag, 14. Juli 2013 – 14:04 – rbb kultur*
Sonntag, 14. Juli 2013 – 17:04 – SR 2
Sonntag, 14. Juli 2013 – 18:00 – mdr Figaro*

*Abweichender Sendetermin aufgrund des ARD-Radiofestivals
** Keine Wiederholung am Sendeplatz am Montagabend

Ab dem 14.7., 19 Uhr steht „Väter und Töchter“ dann auch zum Download auf radiotatort.de zur Verfügung (befristet bis 11.08.).


Regisseur Götz Fritsch; Bild: MDR/Stephan Flad

Regisseur Götz Fritsch; Bild: MDR/Stephan Flad

Radiotatort (66) Väter und Töchter
von Thilo Reffert

Regie: Götz Fritsch
mdr 2013
54 Min.

Mit Hilmar Eichhorn, Nele Rosetz und Corinna Waldbauer

Ex-Kommissar Fischer liegt mitgenommen in der Klinik, als seine ehemalige Assistentin Annika de Beer zum Krankenbesuch erscheint. Doch sie bringt nicht bloß Blumen mit, auch eine Bitte. Ein junger Russe soll abgeschoben werden. Sie selbst hat das ausgelöst, durch eine übereifrige Festnahme wegen Verdacht auf Waffengeschäfte und die Russen-Mafia. Könnte Fischer da nicht seinen alten Kollegen in der Zentralen Abschiebestelle anrufen? Aber Fischer lehnt ab. Dafür will er alles zum Fall des Doppelmordes und dem Stand der Ermittlungen wissen. Annika hat nicht die mindeste Lust dazu, mal abgesehen davon, dass sie derartige Informationen gar nicht nach draußen geben darf. Allerdings weiß Fischer allerhand über die sowjetischen Waffenbrüder – von damals, als sie in der DDR stationiert waren. Womöglich ist es die Vergangenheit, die den Russen und seine Magdeburgerin eingeholt hat? Wenn man die Akte jetzt hier hätte. Annika hat sie: auf dem Laptop in ihrer Tasche.

Thilo Reffert, geboren 1970 in Magdeburg, arbeit als Dramaturg und Theaterpädagoge. Er schreibt Theaterstücke und Hörspiele. Für „Die Sicherheit einer geschlossenen Fahrgastzelle“ (MDR 2009) wurde er 2010 mit dem „Hörspielpreis der Kriegsblinden“, mit dem „Deutschen Hörspielpreis der ARD“ sowie mit dem „ARD Online Award“ ausgezeichnet.

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