Ein heißer Anwärter auf das Hörspiel des Jahres: „Loreley“

Loreley - CoverIch hatte mich ja schon im Februar des Jahres auf ein „Hörspiel des Jahres“ festgelegt. Damals wusste ich aber nicht, dass Marco Göllner Kai Meyers „Loreley“ vertonen würde; ich wusste vor allem nicht, dass es so gut werden würde.

Zaubermond Audio hat nach „Die Geisterseher“ und „Die Winterprinzessin“ nun einen dritten Kai-Meyer-Roman vertont. Nach den Ausflügen zu den Gebrüdern Grimm geht es nun an den Rhein im finsteren Mittelalter. Kai Meyer hat, wie man das von ihm gewohnt ist, seine Geschichte zeitlich und regional gut vernetzt, was den Rahmen sehr glaubwürdig macht. Dank dieser festen Bindung im Realen kann sich der Leser einfacher auf die fantastsiche Geschichte einlassen.

Die Geschichte spielt – natürlich – zu großen Teilen an der Loreley, auf der dem Felsen gegenüberliegen Burg Rheinfels und der Burg Reichenberg in ihrem Hinterland im 14. Jahrhundert zu Zeiten des Grafen Wilhelm des I. von Katzenelnbogen. Kai Meyer gibt dort jedoch nicht die bekannte Sage (Frau, Haare, Singen, Blubb-blubb-blubb) wider, sondern haucht der Figur ein ganz neues, anderes Leben ein. Geblieben ist der Gesang bzw. die Stimme, die ein tragendes Element der Geschichte und damit auch des Hörspiels ist. Und  dann ist auch schon der erste Punkt errreicht, wo man diese Produktion erstmals in den Himmel loben kann.

Regisseur Marco Göllner hat sich offenbar sehr viele Gedanken gemacht, wie er diese Geschichte in ein Hörspiel transportiert. Zum Glück hat er am Ende die richtigen genommen und sie vor allem grandios umgesetzt. Das Stück lebt von Klängen – Musik und Geräusche sind elementar und bekommen in der Hörfassung auch ihre entsprechende Würdigung. Göllner gelingt eine fantastische Kulisse, die das Hörspiel stets trägt und weit ab von jedem zu erwartenden Klischee ist. Extrem ist dies bei den Geräuschen, diese werden nicht langsam zugespielt, sondern sind plötzlich präsent – Gerade das dürfte ein Punkt sein, der polarisieren dürfte; Ich finde es genial, andere werden sich vermutlich daran reiben.

Grandios ist auch die Musik. Es gibt eine überschaubare Anzahl prägender Themen, die trotzdem ausreichen die Atmosphären und Emotionen zu transportieren. Auch hier klebt Marco Göllner nicht am Klischee, sondern lässt auch beispielsweise ein „River deep, Mountain high“ durchs Hörspiel klingen. Das will von der Papierform so gar nicht in eine Geschichte im 13. Jahrhundert passen – es klingt aber tatsächlich einfach wunderbar. Auch das Hauptthema, dass Göllner einem russischen Kinderlied entlehnt hat, als auch die Harfenklänge, die stark an „Es geht ein dunkle Wolk herein“ erinnern, passen hier perfekt ins Bild.

Ein weiterer Pluspunkt ist die Besetzung. Auch hier wandelt Marco Göllner auf eigenen Pfaden und richtet sich nicht nach dem Diktat, möglichst viele Hollywood-Stimmen hörbar werden zu lassen. Anna Julia Kapfelsperger, die die Ailis spielt, war bislang noch nie im Hörspielbereich zu hören. Ein Debut in der Hauptrolle ist ungewöhnlich, aber Göllner bewies auch hier sein Händchen. Er wurde, wie auch wir Hörer, mit einer großartigen Leistung belohnt.

Sehr wandelbar erweist sich auch  Shandra Schadt als Fee, die den Wechsel im Charakter ihrer Figur erstklassig transportiert.

Den Hut am weitesten möchte ich allerdings vor Lilli Martha König ziehen, die als das Mädchen im Brunnen ein wahrlich gänsehauttreibende Performance abliefert. Sie hat hier eine Präsenz und Nachhaltigkeit, die auch ungeachtet ihres Alters, mehr als bemerkenswert ist.

Da die tragenden Figuren weiblich sind, ist die Entscheidung, die erzählende Rolle auch mit einer Sprecherin zu besetzen, eigentlich nicht ungewöhnlich – tatsächlich ist es im kommerziellen Hörspiel doch eher noch selten anzutreffen. Als perfekte Wahl erweist sich Gertie Honeck, die hier auch sehr facettenreich agiert und damit die Rolle weitab von der üblichen Gleichförmigkeit anlegt.

Tatsächlich gibt es auch Männer im Ensemble und dies sind auch hier frische Stimmen (zumindest im Hörspielbereich),  die eine überzeugende Leistungen bringen. Hervorheben möchte ich Andreas Schmidt und Johannes Steck, die mich hier am positivsten überrascht haben.

In 315 Minuten erzählt Marco Göllner Kai Meyers fantasievolle Geschichte, die den Loreley-Mythos nur als grobe Basis nutzt, um daraus eine spannende, ganz eigene Erzählung zu schaffen. Diese ist per se schon atmosphärisch dicht und beinhaltet viele gruselige und auch einige Horror-Elemente. Die erstklassige Umsetzung Marco Göllners gibt dem Stoff zusätzliche Impulse, verstärkt die Effekte und macht so aus „Loreley“ ein grandioses Werk, dass weit mehr ist, als eine bloße Transformation des Buches in ein akustisches Format.

„Loreley“ bringt all das, was ich an aktuellen Hörspielproduktionen oft vermisse: Ein toller Stoff, ein gutes Skript und einen Produzenten mit einer Vision und dem nötigen Talent diese auch umzusetzen.

Wer in diese Produktion hineinlauschen möchte, dem seien die vier Hörproben ans Herz gelegt, die Zaubermond Audio bei YouTube hinterlegt haben. Die Beispiele stellen die Besonderheiten dieser Produktion recht gut dar.

Klappentext: Auf einer Klippe hoch über dem Rhein ruft ein Mädchen aus einem vergitterten Brunnenschacht. Noch ahnt Ailis, die beim Burgschmied in die Lehre geht, nichts von dem dunklen Geheimnis der Gefangenen. Doch dann geraten Menschen in den Bann des Teufels in Kindsgestalt, und der magische Lockruf der Loreley droht, das Land ins Verderben zu reißen. Nur Ailis kann die Gefahr noch abwenden. Ihr Weg führt sie in das rätselhafte Reich des Spielmannszaubers …

Mit Gertie Honeck, Anna Julia Kapfelsperger, Shandra Schadt, Lilli Martha König, Johannes Steck, Andreas Schmidt, Andreas Grothusen, Sebastian Schulz, Wolfram Mucha, Thomas Petruo, Kirstin Hesse, Uli Krohm, Karlheinz Tafel, Jörg von Liebenfelß, Michael Wiesner, Christian Gaul, Thomas Nicolai u. v. a.

Skript, Regie und Sounddesign: Marco Göllner

Marco Göllner hat bei YouTube ein mehrteiliges Making-Of erstellt, dass einen tollen (und unterhaltsamen) Blick hinter die Produktion bietet.

Im OhrCast Oktober haben wir „Loreley“ auch schon vorgestellt.

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